Kidal, Nordmali

Tin Ariwen aus Kidal in Frankfurt

Im Sommer 2017 hatten wir die tolle Chance, in Frankfurt ein Konzert der Gruppe Tinariwen aus Kidal in Nordmali zu sehen. Ein milder Sommerabend im Frankfurter Palmengarten, so nach und nach trafen Freunde ein: Ehemalige Partner aus der Wüste, Reiseteilnehmer, eben Liebhaber der Sahara und ihrer Kultur. Auf diesem Wege Grüße an alle, die mit uns diesen Abend erleben konnten!

Und wir erinnerten uns natürlich wieder an unsere diversen „Abenteuer“ in Nordmali. So z.B. an das fantastische Festival in Essouk bei Kidal während der Jahreswende 2003/2004. Wegen der unsäglichen, üblen Entführung von mehr als 30 Reisenden in Südalgerien im Frühjahr 2003, hatten wir nur wenige Buchungen, fast alle Touren in der Zentralsahara fielen aus, bzw. wurden aus Sicherheitsgründen nicht durchgeführt.

Dann ein Anruf unserer Partner aus Kidal, eine Einladung zum Festival in Essouk! Die Sicherheit wurde uns garantiert, wir sollen Typ und Farbe unseres Fahrzeuges, sowie die Reiseroute durchgeben, es gäbe keine Probleme, alle seien in Festivalstimmung….
Wir planten eine private Reise, in Paris stießen unsere Freunde Katja, Nickel und Stefan zu uns. Dann ging es weiter, per Point Afrique-Flug nach Niamey.

Unser Partner im Niger sorgte dafür, dass eines unserer Fahrzeuge samt Ausrüstung von Agadez nach Niamey gebracht wurde. Aga, ein absolut zuverlässiger Fahrer war pünktlich da, einige Markteinkäufe und am nächsten Tag war bereits Start nach Gao.
Auf der Piste nach Gao kaum Verkehr, die Grenze nach Mali und diverse Polizei- und Militärposten waren schnell passiert. Das Zauberwort für ein höfliches Durchwinken war: „…wir sind eingeladen, zum Festival in Essouk bei Kidal“. Auch in Gao mussten wir uns seltsamerweise nicht bei den Behörden melden, nach einer angenehmen Übernachtung in einem kleinen Camp mit Restaurant ging es problemlos und ungestört weiter, entlang dem Tilemsi-Tal nach Norden. Es wurde Abend, wir fuhren noch ein Stück in der Dämmerung, aber bevor es vollständig dunkel wurde campierten wir kurz vor Kidal versteckt zwischen Granitfelsen.
In der „Stadt“ angekommen, wurden wir herzlich empfangen und gänzlich umsorgt. Duschen, Essen und nochmal Essen, Aktuelles und Meinungen austauschen, Sorgen um die Zukunft. Aber nun ist erst mal Festival.
Wir fahren in den Ort, begrüßen Bekannte und sehen uns um: Die lokale Radiostation sendet nicht, das aufwändig gebaute Kulturhaus ist halb verwaist, auf dem Markt gibt es nur sehr spärlich Lebensmittel aber viele Plastikwaren aus Algerien. Und Diesel, billigen Dieselkraftstoff, auch aus Algerien… Die Stimmung ist gedämpft, aber – wie gesagt – jetzt erst mal Festival!

In einem Halbrund um das Festivalgelände waren mehr als siebzig traditionelle Lederzelte aufgebaut, oft reich geschmückt und mit Matten zum Schlafen ausgestattet. Als Gäste von weither bekamen wir ein sehr schönes Zelt zugeteilt, dahinter parkten wir den Nissan und bauten unsere Moskitozelte auf. Ein prima Rückzugsort während der Veranstaltungspausen, für die Siesta und für ruhige Nächte, unsere Art von Luxus.
Drei Tage lang erlebten wir einen Rausch an Farben und Lebensfreude! Es gab einerseits traditionelle Musikgruppen, aber auch aktuellen Desertblues, Kamelrennen, Vorführung von Formationsreiten, Schwerttänze, Iludjan* und sogar einen Schönheitswettbewerb selbstbewusster Targias. Stromausfälle, die manchmal pfeifende, kreischende Verstärkeranlage, solche Kleinigkeiten wurden lachend hingenommen.
Eine außergewöhnliche Überraschung: Eine Indianergruppe aus Nordamerika! Diese Gruppe war im Rahmen des Austausches zwischen indigenen Ethnien in Timbuktu angekommen um dort beim „Festival au Desert“ in Essakane aufzutreten. Allerdings waren sie einige Tage zu früh im sagenumwobenen Timbuktu eingetroffen; spontan wurden sie mit Landcruisern auf einsamster Piste fast 700 km in Tag- und Nachtfahrt nach Essouk gebracht, um auch dort aufzutreten. Sie boten traditionelle Gesänge, begleitet von Trommeln, spielten aber auch harte Rockmusik, Begeisterung im ganzen Lager! Wir kamen mit einem der jüngeren Indianer ins Gespräch und er berichtete, dass es seiner Gruppe recht gut ginge, da sie erfolgreiche Pferdezüchter seien. Die Musik ist Hobby und dient der Traditionspflege. Aber besorgt fragte er, ob wir ihm erklären könnten, wo wir uns hier befinden? Auf der Michelin Karte zeigten wir es ihm: Weit nordöstlich von Timbuktu, bei Kidal im Adrar Iforhas, nahe der algerischen Grenze. Die Antwort „…oh my God!“ Wir verzichteten darauf, ihm zu erklären, dass wir normalerweise hier arbeiten, momentan jedoch privat, sozusagen in Urlaub hier seien.

Das Fest verlief friedlich ohne geringsten Zwischenfall, man hatte sich u.a. darauf geeinigt, dass niemand sein „Statussymbol Kalaschnikow“ mitbringt. Auch das damals noch anwesende malische Militär sowie die Polizei, beide hielten sich wohltuend zurück, die Selbstverwaltung funktionierte.

Wir unternahmen eine kleine Meharee in der Umgebung und eine Fahrt mit Begleitschutz nach Tamaradjant, östlich von Kidal. Die in Europa kaum bekannten Wallmauern dieser prähistorischen Stätte sind absolut beeindruckend. Zwischen den natürlich vorhandenen Granitpoldern wurden bis zu zehn Meter hohe Trockenmauern aufgeschichtet, so entstand ein burgartiges Gebilde. Es gibt Anzeichen, dass die Mauerkronen als Gang ausgebildet waren, also begehbar waren.

Der Rückweg: Von Kidal freie Fahrt nach Timbuktu, ohne Gao und Bourem zu tangieren, vertraute Wege. Hier bei Timbuktu hatte inzwischen das „Festival au Desert“ begonnen, wir überlegten kurz, wenigstens für einen Tag teilzunehmen, aber es gab nur teure Eintrittskarten für drei Tage. Zudem näherte sich der Termin des Rückfluges und von Timbuktu bis Niamey ist es doch ein gutes Stück zu fahren. In der Stadt war es außergewöhnlich ruhig, keine Reisenden zu sehen, wenig Trubel und Handel in den Gassen und auf dem Markt. Wir erkundigten uns im Touristbüro, wie wird es weitergehen, wie ist die Sicherheitslage? Bedenken und Hoffnung, wenig ausländische Besucher beim berühmten Timbuktu Festival.

Eine Fähre brachte uns über den Nigerstrom, in den inneren Nigerbogen, den Gourma. Von dort weiter nach Douentza, das dortige Campement war geöffnet, wir waren die einzigen Gäste. Dann über Hombori – nun auf Asphalt – wieder nach Gao und von dort zurück nach Niamey. Aga war bereits wieder aus Agadez eingetroffen und erwartete uns, um den Nissan zurück nach Agadez zu bringen.

* Iludjan: Die Frauen sitzen dicht gedrängt im Kreis, trommeln und singen. Die Herren der Schöpfung umrunden den Kreis mit ihren Kamelen, Sand wirbelt auf, immer dichter, immer enger umkreist man tänzelnd die Frauen…

P.S.: Nach dieser privaten Reise mussten wir den harten Entschluss treffen, die regulären Gruppenreisen in Nordmali (Adrar Iforhas, Djebel Timetrine, Araouane, Timbuktu) einzustellen.
Die Reisen im Süden, ins Dogonland, die Flussfahrten per Pinasse auf dem Niger, sowie die Tour zum Festival Segou konnten noch für einige Zeit stattfinden.
Die heutige Situation in Mali ist bekannt. Im Süden einigermaßen Stabilisierung, die Musik ist zurückgekehrt. Man ist politisch aktiv und informiert, Ringen um Frieden und angepasste Demokratie. Der Norden ist groß und weit, die Grenzen haben sandige Lücken. Diverse Militärs versuchen das Gebiet zu sichern, bzw. wenigstens Übergriffe aus dem Norden zu unterbinden.
In Mali gibt es Gold in nicht unerheblicher Quantität, zudem hört und liest man von ergiebigen Öl-, Gas- und Uranvorkommen, mehrere Konzessionen sollen bereits vergeben worden sein; die Ausbeutung dann in Zukunft.
Aktuell (im Oktober 2017) treffen Nachrichten über Mangelernährung, hauptsächlich bei Kindern ein.

Dank an:
– Cheikh ag Baye, Kidal
– Ahmed Ewaden, Ewaden Voyages, Agadez
– Aga, Fahrer aus Agadez
– Katja, Nickel und Stefan, die uns begleitet haben
– Und nochmals „Tannemert“ (merci) an die Gruppe
Tinariwen, die in Frankfurt ein Stück für Sylvia gespielt haben.

 

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