Reisebericht Südalgerien

Adrar n’Ahnet, Tim Missao & Tin Rherho
Es war eine unserer schönsten Touren in der Zentralsahara, nur ein Minimum an Asphalt bei Beginn und Ende der Tour, ansonsten herrliche, einsame Pisten, oft nur noch die eigenen Fahrspuren vom vorherigen Monat. Große Freiheit!

Knapp 2000 km, etwa in der Mitte der Strecke ein Dieseldepot, zwei hervorragende Tuareg-Crews (damit wir zwei Touren zur gleichen Zeit fahren konnten), dabei immer eine Autorität der N’Ahnet Tuareg. Hier die Route in Stichpunkten:
Tamanrasset – Essidiene – Erg Mehedjibat – Adrar N’Ahnet Region im Detail – Schlucht von Touhak – Erg Iguidi N’Afarag – Guelta Ain Ziza – Tassili Tim Missao – der Nordteil des Tassili Tin Rherho mit seinen Felsgravuren und prähistorischen Gräbern – Oued Tichkatine – Urstromtal Tin Amzi – Tamanrasset

Hier ein sehr gut gestalteter Reisebericht eines Teilnehmers im Jahr 2005:
Reisebericht als PDF,  Autor und Copyright: Bernhard Gravenkamp

Und soeben finde ich in unserem Archiv auch eine Tourenbeschreibung aus dem SUNTOURS Expeditionsprogramm von 2012: Adrar N’Ahnet & Tim Missaou PDF Copyright: R & S Jarosch

Regelmäßig nutzten wir bei diesen Fahrten den wichtigen Brunnen von Tin Rherho. Er liegt am nordöstlichen Fuß des Tin Rherho-Plateaus in einem weitläufigen, sehr flachen, sandigen Oued. Nicht zwischen den üppigen Tamarisken in der Nähe, wo man ihn suchen würde – nein, in einer öden, heissen Ebene.
Eines Tages: Großer Schreck – zumindest bei der europäischen „Fraktion“ – der Brunnen ist total versandet und offensichtlich durch eine seltene Flut zugespült worden, mit Schlamm, Ästen und Steinen! Auch die etwas dürftige Brunnenabdeckung aus Blechplatten ist verschwunden, vom Sturm verweht oder von der Flut mitgerissen. Der Rand des obersten Betonringes überragt kaum das Bodenniveau.
Sicherlich, wir wären nicht verdurstet, wir haben noch Reserven, aber wir müssen wohl die Route gravierend ändern. Einen anderen Brunnen ansteuern? Aber welchen, keiner liegt in unmittelbarer Nähe!
Unsere Tuaregcrew bleibt ruhig und gelassen. Nach kurzen Überlegungen, die klare, kurze Entscheidung: „Wir graben den Brunnen wieder aus, in der Tiefe führt er immer Wasser…“

Ein weisser Sack aus Kunsstoffgewebe wird aufgeschnitten, so dass eine kleine Plane entsteht; an jeder der vier Ecken wird ein Seil fest verknotet. Die Plane wird innerhalb des obersten Betonringes ausgebreitet; ein vom örtlichen Expeditionsleiter Auserwählter füllt sie schnell mit den Händen oder mit einem unsrer Spaten und vier Helfer ziehen die Plane zügig hoch und kippen den Sand aus.
Das geht zunächst recht schnell, noch wird reiner Sand gefördert und ohnehin sitzt der Ärmste, der die Plane füllen muss, ja noch weit oben.

Ladung um Ladung wird hochgezogen, die Plane füllen, gleichmäßig hochziehen, auskippen, Plane wieder runterlassen, ausbreiten, füllen, hochziehen…
Bald sind drei oder vier Brunnenringe wieder sichtbar, der Arbeitsplatz des Planenfüllers wandert immer tiefer. Steine und Tamariskenäste im Brunnenschacht erschweren nun die Arbeit. Eine Pause ist angesagt, vorsichtig balancierend senken wir mit Hilfe der Plane ein Tablett mit Tee und Keksen zu unserem tapferen Mitstreiter in die Tiefe.

Wau! Nach etwa zwei, drei Stunden fördern wir feuchten Sand nach oben, ein gutes Zeichen. Da beim hochziehen der Plane nun immer wieder mal nasser Sand und gar Steine nach unten fallen, bekommt der Planenfüller eine Plastikschüssel als Schutzhelm nach unten geliefert. Wir bitten die Teilnehmer, dies nicht zu fotografieren, ein Targi mit einer Plastikschüssel auf dem Chech, unmöglich!

Der Sand wird immer feuchter und gegen 13.00 Uhr sammelt sich Wasser am Brunnenboden, es steigt sogar! Nun noch schnell den Brunnenboden säubern und einige letzte Ladungen Geröll und Schlamm nach oben ziehen und dann wird der tapfere Helfer in der Tiefe erlöst und von uns nach oben gehievt, der Ärmste ist klatschnass aber guter Dinge und gejammert wird sowieso nicht.
Ich erinnere mich, etwa um 9.00 Uhr morgens hatten wir die Aktion begonnen. Wir machen Mittagspause, währenddessen setzen sich die Schwebstoffe im Wasser und wir können klares Wasser fördern. Hat jemand daran gezweifelt, dass es klappt?

Wir können unserer Route programmgemäß weiter folgen und beschließen abends am Lagerfeuer, die Brunnenkonstruktion zu verbessern. Unser Partner in Südalgerien spendiert einen Betrag und auch wir, von SUNTOURS. Die Wasserstelle ist wichtig, ja sogar existenziell, nicht nur für Wüstentouristen sondern vor allem auch für durchziehende Nomaden.
Ein Pickup mit Arbeitern, Zement, zwei Betonringen und einem neuen, stabilen Brunnendeckel fährt eines Tages mehr als 300 km Wüstenpiste von Tamanrasset zum Tin Rherho, erhöht den Brunnenkopf und installiert die neue Abdeckung. Seitdem trägt die Abdeckung des Brunnens von Tin Rherho das Signum unseres südalgerischen Partners. Vielen Dank an alle, die mitgeholfen haben!

Wann dürfen wir wieder hinfahren um zu sehen, ob der Brunnen noch in Ordnung ist, wann dürfen wir wieder das köstliche Nass aus der Tiefe genießen?

 

One comment

  1. Karin W.-W. says:

    Wehmütige Erinnerungen an die wunderschönen Wüstenreisen – nochmals DANKE SCHÖN für diese Reisen mit Euch, Sylvia und Rainer. 2001 meine erste Reise und 2012 dann meine letzte Reise.
    Wie wird es heute den Tuareg und ihren Familien gehen? Wie wird deren Zukunft sein?
    Diese Gedanken kommen dann, wenn ich mir sage, ich konnte dort sein, dort in der Wüste, wo alles auf das Wesentliche reduziert wird und das Miteinander eine besondere Intensität hat.
    Hoffen wir das Beste für die Zukunft dieser Menschen

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